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"Ich habe mich verloren" – ist das wirklich wahr?

20. Aug.
4 Min. Lesezeit

Wo bist du eigentlich geblieben?



Diesen Satz höre ich oft: "Ich habe mich im Mama-Alltag verloren." Kennst du das Gefühl? Dass du gar nicht mehr genau weisst, was du eigentlich fühlst – und irgendwo im Hinterkopf die Idee schwirrt: Wenn dann noch Zeit bleibt, kümmere ich mich um mich. Bei dieser Gleichung fehlt immer ein Parameter. Und so kann sie nie aufgehen.


Der Ferien-Moment, der alles zeigt

Mir ist das in den letzten Tagen in den Ferien wieder besonders bewusst geworden. Wenn wir wegfahren, fällt so viel vom Alltag weg: keine Wäsche, kein Putzen, oft kein Kochen, keine Nachbarn, die man täglich sieht und die schlecht über einen denken könnten, keine Arbeit. Plötzlich fällt es viel leichter, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Einfach hinlegen, ein Buch lesen, ein gutes Gespräch führen – das geht auf einmal wie von selbst.


Und dann sind wir wieder zurück im Alltag. Was ist das Erste, das du aus deinem Tag streichst?


Zurück im selbstgebauten Hamsterrad


Meistens ist es genau das: du selbst. Und schon sind wir wieder im Hamsterrad gefangen – einem Hamsterrad, das wir uns, so unbequem das klingt, selbst gebaut haben. Denn unsere Realität ist das Ergebnis unserer Entscheidungen. (Aber das ist nochmal ein eigenes Thema.)


Die Gleichung des Alltags hat scheinbar keinen Platz mehr für dich, deine Bedürfnisse, deine Wünsche und Träume. Auf Dauer funktioniert das nie. Die Frage ist nur: Wie lange kannst du kompensieren? Wie lange hältst du durch? Wie tief vergräbst du deine Bedürfnisse und Werte, bevor sich etwas meldet?


Die Erschöpfung kommt schleichend. Ein Prozess, den wir kaum bewusst wahrnehmen – bis wir irgendwann nur noch Leere spüren. Kein Gefühl mehr für dich, für deine Kinder, für deinen Partner. Du funktionierst. Aber lebst du auch noch? Genau das ist das Gefühl, das viele "Ich habe mich verloren" nennen.


Ist das wirklich wahr?


Ich glaube nicht. Ich glaube, wir haben einfach verlernt, uns selbst wahrzunehmen. Verlernt, unserem Körper zuzuhören. Dabei spricht er die ganze Zeit mit uns.


Was unser Körper uns die ganze Zeit sagt


Kopfschmerzen? Eine Tablette. Schmerzende Gelenke? Auch dafür gibt's etwas. Müde? Vitamine. Verdauungsprobleme? Zum Arzt. Alles gesellschaftlich anerkannt – denn Funktionieren gilt als oberstes Gebot. Ganz ehrlich: Genau dieses Denken hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Zu viele ausgebrannte, erschöpfte, kranke Menschen. Weil Funktionieren wichtiger scheint als Gesundheit – körperlich wie mental, denn beides lässt sich nie trennen.


Wir können Symptome jahrelang ignorieren, wegdrücken, weiterfunktionieren. Aber – und da spreche ich aus eigener Erfahrung – der Körper ist hartnäckig. Die Symptome bleiben. Eine Tablette senkt vielleicht den gemessenen Blutdruck, gelöst ist das eigentliche Problem damit nicht. Und so wird der Körper lauter, die Symptome heftiger, bis wir irgendwann an dem Punkt sind, an dem wir nicht mehr wegsehen können – und es fast schon zu spät ist.


Leistung ist nicht dein Wert


Das Fatale: Dieser Kreislauf ist gesellschaftlich anerkannt. Leistung zu bringen, komme was wolle, bestimmt scheinbar den Wert eines Menschen. Wollen wir aus diesem Kreislauf ausbrechen, schlägt uns oft ein kalter Wind entgegen, und unser Nervensystem rebelliert. Es braucht Kraft, anzunehmen: Mein Wert als Mensch hat nichts – aber auch gar nichts – damit zu tun, wie viel ich leiste.


Ich kann eine gute Mama sein, auch wenn ich nicht immer geduldig bin. Ich kann eine sehr gute Frau sein, auch wenn ich nicht immer perfekt gestylt und guter Laune bin. Weil uns allen – ausnahmslos allen – nicht rund um die Uhr die Sonne aus dem Hintern scheint. Und das ist gut so.


Gerade Frauen definieren ihren Wert oft über eine geforderte, immer gleichbleibende Leistung – und vergessen dabei, dass wir zyklische Wesen sind. Unsere Natur ist gar nicht darauf ausgelegt, immer dieselbe Leistung zu bringen. Hormone steuern unsere Energie und unsere Bedürfnisse, und beides verändert sich im Verlauf des Zyklus. Das ist keine Schwäche – auch wenn uns die Gesellschaft über Jahrhunderte etwas anderes gelehrt hat.


Wenn ich mit meiner Energie lebe


Es gibt Phasen im Leben einer Frau, in denen sie Rückzug und Ruhe braucht, und andere, in denen Leistung mit Leichtigkeit möglich ist. Eine Beobachtung, die ich auch an mir selbst gemacht habe: Wenn ich in meiner Energie lebe, mir Pausen gönne, wenn ich sie brauche, und grundsätzlich im Einklang mit mir bin, habe ich kaum PMS-Beschwerden. Gehe ich aber gegen meine Energie, ist mein Stresslevel über längere Zeit hoch – dann reagiert der Körper mit Schmerzen und Krämpfen.


Im Umkehrschluss heisst das: Wenn ich mich und meine Bedürfnisse wahrnehme, fühle, was ich brauche, und mein Leben danach ausrichte, kann ich mein Beschwerdelevel beeinflussen. Natürlich gehören auch Ernährung, Stressmanagement und Bewegung dazu – aber grundsätzlich habe ich einen grossen Einfluss darauf, wie mein Körper reagiert.


Der Schlüssel: uns selbst wieder wahrnehmen


Der Schlüssel zu mehr Energie und weniger Erschöpfung im Alltag ist, dass wir uns wieder wahrnehmen. Dass wir lernen, zuzuhören, und das Gefühl für uns selbst wiederfinden. Denn ganz ehrlich: Wir kommen alle mit diesem Gefühl auf die Welt. Als Baby weisst du genau, was du brauchst und was nicht. Erst im Verlauf unserer Entwicklung haben wir es verlernt – oder es wurde uns abtrainiert. Und so stehen heute viele von uns da und wissen nicht mehr, wer sie eigentlich sind, was sie brauchen und wie sie sich selbst guttun können.


Es begann nicht erst mit der Mutterschaft


Das ist nicht erst passiert, seit du Mama bist. Nur die Mutterschaft bringt genau das an die Oberfläche – und wir können nicht mehr ausweichen. Die Kinder bleiben, und sie halten uns mit unglaublicher Präzision und Ausdauer den Spiegel vor. Unsere Wahl: Wir kämpfen dagegen an und verbrauchen unendlich viel Energie – oder wir schauen hin, kümmern uns und generieren so neue Lebensenergie für uns. Eine Energie, die am Ende ein neues Lebensgefühl für die ganze Familie schafft.


Das Argument "Die Kinder sind aber wichtiger" greift daher zu kurz. Denn die Kinder profitieren am meisten, wenn du als Mama genug Energie hast, um sie durch ihre Kindheit zu begleiten, zu unterstützen, aufzufangen und zu fördern, wo sie es brauchen. Sie haben nichts davon, wenn du dich jeden Morgen erschöpft aus dem Bett quälst, ständig am Rand des Zusammenbruchs stehst und bei jeder Kleinigkeit zusammenbrichst – weil scheinbar alle anderen wichtiger sind als du.


Selfcare ist kein Modebegriff


Selfcare ist vielleicht ein Modewort. Aber sie ist auch das Fundament jeder Mutterschaft – die Basis dafür, dass Familie für alle Beteiligten erfüllend sein kann.


Ich habe aufgehört, mich zu übergehen – und angefangen, mich wieder ernst zu nehmen.


Wann fängst du damit an?



 
 
 

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